Größte Biogas-Anlage geht ans Netz der SVS

Landwirt Helmut Fleig hat die grüne Energie als neues Standbein entdeckt. Neben einem modernen Milchkuhstall betreibt er in Nordstetten eine Biogasanlage, die aus Kuhdung und Silage Strom erzeugt. Seit Dezember speist die 240 Kilowatt-Biogasanlage Strom ins Netz der SVS. Strom aus Mist – ein ungewöhnliches Modell?
Die 60 schwarz-bunten Milchkühe recken neugierig die Köpfe über das Gatter, warten mit dicken Eutern auf das Melken. Doch bevor der Landwirt Helmut Fleig im Stall aktiv wird, steht auf dem Tagesplan des Energiewirts Fleig ein Gang ins Blockheizkraftwerk. Stimmen alle technischen Voraussetzungen? Flackert eine Kontrollleuchte rot? Fleig weiß, ob der Gärungsprozess stockt, ein Mixer sich verhakt hat oder die Temperatur im Gärungsschacht nicht stimmt. Ebenso sein Sohn Jürgen, ein Agrar- Ingenieur, der den Hof übernehmen wird. Jetzt werden die Kühe gemolken. Danach wird der 20 Kubikmeter fassende Vorratsbehälter mit Pflanzensilage und Grünschnitt aufgefüllt, der Flüssigmist aus dem Kuhstall automatisch dazugepumpt.
Das Biogas für seine neue Anlage erzeugt Fleig zu 80 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. „Durch das novellierte Erneuerbare Energien-Gesetz, das im August 2004 in Kraft getreten ist, erhalte ich für die eingespeiste Energie aus nachwachsenden Rohstoffen einen Zuschlag von weiteren sechs Cent pro Kilowattstunde“, erklärt Fleig. Macht für ihn summa summarum 15,9 Cent je eingespeiste Kilowattstunde.
„Die Biogasanlage von Helmut Fleig ist derzeit die größte am Netz der SVS“, so Kai-Uwe Huonker, SVS-Abteilungsleiter Technischer Vertrieb. „Daneben gibt es im Netzgebiet der SVS noch drei weitere Landwirte, die ebenfalls Biogasanlagen betreiben“, erklärt sein Mitarbeiter Reinhold Fuchs. Im Jahr 2004 wurden in den bestehenden Anlagen etwa eine Million Kilowattstunden Strom erzeugt; damit können rund 300 Haushalte versorgt werden. Um den produzierten Strom ins örtliche Netz einspeisen zu können, braucht es natürlich einen Anschluss ans Stromnetz. „Hier sind wieder wir gefragt“, so Huonker. Bei Landwirt Fleig legte die SVS aufgrund der hohen Leistung der Biogasanlage direkt einen Anschluss an das 20 kV-Mittelspannungsnetz.
„Die Verwertung nachwachsender Rohstoffe bietet sich für die Landwirtschaft geradezu an", sagt Fleig. Nachwachsende Rohstoffe sind für ihn „alles, was auf dem Feld wächst." Davon braucht die Biogasanlage viel. „Aus einem Hektar bekommt man 8.000 - 12.000 Kilowattstunden Strom", so Helmut Fleig. Für den Betrieb der neuen Anlage reicht der Ertrag der eigenen Äcker nicht mehr aus: „Wir kaufen aus der Nachbarschaft zu."

Fleigs Biogasanlage läuft vollautomatisch über eine Zeitschaltuhr. Im 3000 Kubikmeter fassenden unterirdischen Fermenter wird die Mischung stündlich gemixt und bei einer Temperatur um die 48 Grad Celsius vergoren. Fleig junior kontrolliert durch ein Sichtfenster, ob dahinter „gutes Methangas" entsteht, das heißt solches mit hohem Methangasanteil. Das sieht er an der Größe der Blasen und der Beschaffenheit der Gülle.
Das Biogas wird im Gasmotor des Blockheizkraftwerks in Strom und Wärme umgewandelt. Mit der Wärme heizen die Fleigs 500 Quadratmeter Wohnraum, darunter auch das Haus ihrer Nachbarn. Es ist ein Kreislauf: Die vergorene und geruchsarm gewordene Gülle wird als wertvoller Pflanzendünger wieder auf die Felder ausgebracht. Mit der Ernte der neuen Nährstoffe beginnt der Kreislauf von vorn. Kritiker bemängeln, dass aus Lebensmitteln Strom erzeugt wird. Doch der Markt zeige: Aus Getreide Strom zu erzeugen lohne sich heute mehr als Brot zu backen.
Die Arbeit als Energiewirt hat nicht viel an Fleigs Tagesablauf geändert: Zwar muss rund um die Uhr jemand da sein, um sofort auf das Telefonwarnsystem reagieren zu können, aber stete Präsenz war auch mit dem Milchviehbetrieb Pflicht. Warum er sich für die Investition in erneuerbare Energien entschieden hat, wollen wir wissen. Hatte Helmut Fleig zunächst die Erweiterung des Milchviehbetriebs im Auge und seinen Sohn dazu in einen Milchwirtschaftsbetrieb nach Kanada geschickt, fiel die wirtschaftliche Prognose für den Milchpreis deprimierend aus, erzählt Fleig. So startete er vor fünf Jahren mit einer auf 45 Kilowatt ausgelegten Biogasanlage. 2002 erweiterte er sie auf 90 Kilowatt Leistung. „Wir wollten die Gülle besser verwerten.“ Obendrein würden mit der auf diese Weise gewonnenen Energie jährlich 1,4 Millionen Kilogramm Kohlendioxid und 500.000 Liter Heizöl eingespart, rechnet Vater Fleig hoch.

Machte der Anteil der Milchwirtschaft zunächst 70 Prozent aus und die Einspeisung des Biogas-Stroms 30 Prozent, dreht sich das Verhältnis mit der neuen Biogas-Anlage um. Die Produktion erneuerbarer Energien ist für ihn und seinen Sohn ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor und eine Investition in die Zukunft. Denn damit scheint bis 2020 die berufliche Existenz für Jürgen Fleig gesichert. Fleigs Biogasanlagen sollen jährlich bis zu 1,2 Millionen Kilowattstunden erzeugen. „Damit werden 500 Familien mit Strom versorgt“, sagt der Landwirt. Das ist das Ziel.
Dennoch: „Man beginnt, die Rohstoffe mit ganz anderen Augen zu sehen“, erklärt Helmut Fleig und greift beherzt eine Handvoll Silage aus dem Rohstoffballen. „Das hier“, winkt er mit den grünen Raspeln, „sind fünf Minuten fernsehen. Für mich ist der Mist heute Kilowattstunden und kein Mist mehr.“